Fährtenleser Bernd: Rundmail aus Indien -Die Erste 2015

17.04.2015; 12:22 h                                                                       z. zt. varanasi in nordindien

geschrieben in konsequenter „bauhaus“ kleinschrift von 1925–  bevor jemand meckert!

liebe freunde, verwandte und bekannte zu hause,

als ich vor ca. 10 jahren aus indien, vorzeitig zurueckkam, habe ich gesagt, ich würde nie wieder hinfahren, es hat mir gereicht.

der schriftsteller richard christ hat in seinem buch „mein indien“ eine unterhaltung geschildert, in der es genau darum ging: nie mehr oder immer wieder. er schrieb dort sinngemaess“ : indien ist wie kleine häkchen im arm haben, je mehr man daran zieht, desto mehr und tierfer sind sie in einem drin. genauso ist es mir ergangen, ich habe einige fehler meinerseits erkannt und abgestellt, habe mich noch mehr auf das chaos eingelassen, und bin nun zum vierten mal hier. zusammengerechnet ist indien das land, in dem ich die meiste zeit, ausser in deutschland verbringe, bzw. verbracht habe.

meine erste station ist varanasi, eine der ältestes ständig bewohnten städte der welt, seit ueber 3000 jahren bewohnt, älter aus zum beispiel rom. 300 jahre vor der romgruendung gab es hier schon eine grossartige lebendige kultur.

selbstredent ist varanasi mehr als heilig, zweifellos eine der heiligsten städte indiens, und hier hat man genug davon.

varanasi liegt am ganges, der wiederum der heiligste fluss indiens ist.

ein grund dafür ist, das ein glaeubiger hindu, der hier sterbt, und dessen asche oder deren leichnam dem fluss uebergeben wird, o h n e nochmal wiedergeboren zu werden und vielleicht als frosch, busfahrer oder armer bauer ein ein neues leben leben zu muessen.

in kaum einer stadt ist leben und tod so eng nebeneinander zu erleben.

während an einem der zwei „burning ghats, verbrennungsstätten, leichen verbrannt werden findet 50 meter eine  hochzeit statt. interessant und unbegreiflich ist, das bei einem leichen- oder einem hochzeitszug die gleiche musik spielt, sodass man nicht zwangsläufig weiss, wenn man nur die musik hoert, dass das eine hochzeit ist.

ein grosses abenteuer ist, die altstadt zu erleben, sie ist recht gross und es leben ca. 20000 einwohner in einem unglaublichen gewirr von gassen, die manchmal hoechstens kuhbreit sind. natuerlich gibt es keine strassennamen, allerdings irgendweclche hausnummern, derem system voellig unklar ist, mir!. trotz der hitze, gestern 34 grad, des staubs, des matsches, es hatte auch gewittert und natuerlich der vielfältigen hinterlassenschaft diverser kuehe, ziegen und hunden ist es faszinierend durch dieses gewirr zu laufen. viele, in reiseführern angegebene orte findet man allein eher nie, also habe ich mir gestern einen guide genommen, der mich drei stunden lag durch die altstadt geführt hat. es gibt viele fotos davon!

das eigentliche leben findet allerdings am gangesufer statt, es gibt knapp 50 verschiedene ghats, alle unterschiedlich benannt und ueberall tobt das pralle leben.neben den krematorien gibt es ghats wo nur waesche gewaschen wird, ja im ganges der ohnehin schon unvorstellbar schmutzig ist, von abwaessern und exkrementen, von leichen(!) , vielmehr aber von den chemiefabriken am oberlauf (bhopal), die jede art von abfällen und rueckständen ungeklärt in den fluss schuetten.

trotzdem ist ein taegliches bad fuer den glaeubigen hindu unerlaesslich. so sieht man in den morgenstunden hunderte von hindus ihr morgenbad nehmen, und das wasser auch trinken. es gibt viele boote auf dem fluss, eine fahrt auf dem ganges gehoert zum beispiel zum ritual einer hochzeit. und so tummeln sich 100te meist komplett ueberladene alte boote auf dem fluss.

jeden morgen zum sonnenaufgang und auch zum sonnenuntergang finden grosse pujas, andachten statt, bei denen brahmanen uralte rituale durchführen, und von tausenden leuten mantras gesungen werden.Es gibt niemanden, auch den nichtgläubigen, den diese feiern nicht bewegen, ich gehe jeden abend hin und morgens auch.

ueberall laufen heilige maenner durch die gegend, die meisten sicher eher unheilig, auf geschaeftemacherei aus, es gibt viele bettler und es gibt spezielle haueser, wo alte leute einfach auf das sterben warten.

die maerkte sind wie ueberall in indien aufgeräumt und sehr vielfältig,an den essensständen gibt es „mittagsmenues“ fuer deutlich unter einem euro, die sind lecker und ich habe sehr viel probiert davon. immer noch gesund und ohne probleme.

mark twain hat einmal geschrieben: wer varanasi nicht gesehen hat, der hat indien nicht gesehen! und viele andere schriftsteller stimmen dem zu.

reisende sowieso.

ich auch, alleine diese stadt ist eine indienreise wert, allerdings sollte man ein paar tage hier bleiben um die schwingungen, den zauber dieser stadt zu erleben.

ich werde noch bis sonntag hier bleiben, die stimmung geniessen und dann ueber neu delhi nach darjeeling und sikkim in die berge reisen.

bis dahin gruesse ich euch alle zuhause, hoffe, jeder ist so gesund und froehlich wie ich um moment und melde mich bald wieder.

ueber post freue ich mich natuerlich auch, immer!!

bis dann

bernd k.

3 bilder als anhang

Advertisements

Über Mediathek Kamp-Lintfort

Eröffnung am 04.03.2017
Dieser Beitrag wurde unter LesART Kamp-Lintfort e.V. abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s